Geschichte - Michaelismesse-Wertheim

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197. Michaelismesse Wertheim

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Geschichte

Geschrieben wurde dieser Artikel von Erich Langguth, wahrscheinlich zur Messe 1978. Er wurde in der originalen Schreibweise übernommen und entspricht nicht den heutigen, grammatikdualen und rechtschreiblichen Regeln.

Aus den Anfängen des Michaelis-Marktes

Da die Schützen ihre Kunst- und Freischießen ohnehin auf dem „Wört“ genannten Wiesengelände links der Tauber flußabwärts – in Richtung der heutigen Odenwaldbrücke – abhielten, bestimmte man 1822, daß hier auch der neue Michaelismarkt künftig seinen Standort habe. Der Gedanke, Krämermärkte für Käufer und Verkäufer vor den Toren der Stadt zu veranstalten, war in Wertheim nicht neu, hatte man doch bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts die altherkömmlichen Jahrmärkte eine zeitlang auf die Mainwiesen oberhalb der Taubermündung verlegt gehabt. Erst 1811 waren sie wieder in Stadtinnere zurückgeholt worden. Hier muß man sich ja auch ihren ursprünglichen Schauplatz vorstellen, zunächst auf dem eigentlichen „Marktplatz‘‘, später vielleicht auch schon in angrenzenden Bereichen. Ab 1811 wurden sogar alle Hauptstraßenzüge hinzugenommen, als die Brücken-, Main-. Obere Eichel- und Rathausgasse, der Engelsbrunnen- und der Kirchplatz, sowie an der Stiftskirche vorbei der Beginn der Mühlenstraße. Viermal im Jahr muß dies ein buntes und farbprächtiges Bild gewesen sein, die einzelnen Zünfte gruppenweise geordnet, mit großen und kleinen Stände, auf dem Markt in vier Reihen und oben, wo er sich verjüngt, in zwei Reihen. Die auf je eine Jahreszeit fallenden alten Märkte waren: der Mariä-Verkündigungs-Markt (Ende März), Himmelfahrts-Markt (Mai), Bartholomäi-Markt (Ende August) und Catharinen-Markt (Anfang Dezember).
 
Er ist der jüngste unter den einstigen fünf Wertheimer Jahrmärkten und der einzige, der bis in die Gegenwart erhalten geblieben ist: unser Michaelismarkt. Auf Veranlassung des Fürsten Georg zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg genehmigte am 5. August 1822 das damalige großherzoglich badische Ministerium des Innern in Karlsruhe die Errichtung dieses Marktes. Es sollten dadurch für immer die Tage verewigt werden, an denen im Jahr 1820 Badens Großherzog Ludwig (1818-1830) das hiesige bürgerliche Schützencorps bestätigt und gleichzeitig dem großen St. Michaelis Frei- und Festschiessen der Wertheimer Schützen persönlich angewohnt hatte. Über deb Termin für die Abhaltung des Marktes bestand von vornherein zwischen dem Stadtmagistrat – so hieß zu jener Zeit der Gemeinderat offiziell – und dem Veraltungsrat des Schützencorps Übereinstimmung, daß er mit dem Michaelis-Schießen zu verbinden sei. Nach herkömmlichem Brauch wurde dieses jeweils Anfang Oktober veranstaltet. Die damalige staatliche Aufsichtsbehörde, das Stadt- und Landamt Wertheim, scheint indessen den Standpunkt vertreten zu haben, ein zeitlich etwas vorgezogener Termin, etwa Ende September, würde sich für den neuen Markt günstiger auswirken. Demgegenüber mußte die Stadt darauf hinweisen, daß in diesem Falle künftige Überschneidungen mit dem Königshofer Markt auszuschießen wären. Jener schon traditionell berühmte Markt begann jeweils an dem auf Matthäi (21. September) folgenden Sonntag und dauerte bis Donnerstag derselben Woche. So kam man überein, den Beginn des Wertheimer Michaelismarktes auf den zweiten Dienstag jeden Jahres nach Matthäi festzulegen. Das konnte allerfrühestens am Michaelistag selbst, dem 29. September, sein. Im Jahre 1822, dem Gründungsjahr, fiel der zweite Dienstag nach Matthäi auf den 1. Oktober. Der Markt dauerte, ebenso wie das Michaelis-Schießen, drei Tage. Bislang hat sich nicht klären lassen, wieweit das große Freischießen der Schützen an Michaelis geschichtlich zurückreicht.

Wir wissen nur, daß es am 3./4. Oktober 1774 zweitägig abgehalten wurde und daß dies die Wertheimer Schützengesellschaft hundert Jahre später, 1874, zum Anlaß einer Jubiläumsfeier genommen hat. Allerdings geht aus den beiden frühesten Jahrgängen der ersten Wertheimer Zeitung 1772 und 1773 hervor, daß auch damals bereits zu eintägigen Michaelisschießen der „Schützen-Compagnie“ Anfang Oktober eingeladen worden ist. Demnach leitet sich diese Tradition aus noch früherer Zeit her. Ob allerdings, wie mancherorts schon vermutet worden ist, ein Zusammenhang mit der für Wertheim so verheerenden Wasserhochflut der Tauber an Michaelis 1732 bestanden haben mag, muß mit mehreren Fragezeichen versehen werden. Belege dafür gibt es vorläufig keine.
Das Reglement für den neuen Michaelis-Markt, der mit seinen Buden und Ständen wieder vor die Stadt zu liegen kam, musste sich nun ganz besonders mit dessen Sicherheit befassen. Zwar hatten die Schützen ohnehin eine Hauptwache auf ihrem Schießplatz, und sie erboten sich auch, an den drei Markttagen die polizeiliche Aufsicht zu übernehmen. Zu diesem Zweck bestimmten sie einen ihrer Offiziere jeweils zum „Platz-Hauptmann“. Anders jedoch war es mit den Nachtwachen bestellt. Sie mußten eigens durch den Stadtvorstand gebildet werden und zwar aus einer hinreichenden Anzahl verläßlicher, bewaffneter Bürger unter dem Kommando eines „Stadt-Offiziers“, die es damals noch gab. Platz-Hauptmann und Stadt-Offizier vereinbarten miteinander die jeweilige Ablösung. Die erste Nachtwache begann am Vorabend des Marktes mit eintretender Nacht. Innerhalb der Stadt selbst wurde die übliche Bürgerwache verdoppelt. Sie hatte ihre Wachstube unterm Brückentor – offensichtlich war damit das ehemalige Centhaus vor dem Eingang zur Brückengasse gemeint, denn den eigentlichen Brückenturm samt Tor hatte man ja ein Jahr zuvor, 1821, auf Abbruch versteigert gehabt – und unternahm von hier aus ihre Patrouillen. Am Tag gab die Stadt ihren beiden Polizeidienern während der Marktdauer ebenfalls noch zwei Bürger zur Verstärkung bei.

Schlug die Polizeistunde, so hatte auf dem Marktgelände „niemand Fremdes“ mehr etwas zu suchen, es sei denn, einer bewachte sein Eigentum selbst. Diese Ausnahme war gestattet. Daß Schausteller von außerhalb den neuen Markt bereits in den ersten Jahren besuchten, verrät mit einem sehr schönen Beispiel schon eine Beilage zum „Wertheimer Intelligenz-Blatt“ vom 30.09.1825. Hier wird durch ihren Vater der Auftritt der „kleinen Babet oder Lilliputienne“ angekündigt, der 15jährigen Tochter des Adam Schreier aus dem Großherzogtum Baden, die nur 20 Zoll groß ist (etwa 60 Zentimeter) und nur 8 Pfund wiegt. Sonst jedoch sei sie voll ausgebildet, spricht deutsch und etwas französisch. Sie wurde bereits „vor höchsten Majestäten“ gezeigt, zuletzt am Königshof in Stuttgart. Nun sollte die beidermeierlich ausklingende Residenzstadt Wertheim sicherlich nicht weniger über dieses Wunder ins Staunen geraten.

Zu jener Zeit gab es bei der Vielzahl der hiesigen Märkte noch mehrere städtische Marktmeister gleichzeitig. Immer einer von ihnen hatte für die gehörige Anlegung und Ordnung de Stände zu sorgen. Sollten Streitfälle vorkommen, so konnte er sich beim Wachkommandanten Hilfe holen. Die Entwicklung des Michaelismarktes in „merkantilischer Hinsicht“ nahm übrigens von Anfang an einen verheißungsvollen und erfreulichen Verlauf. Der Stadtmagistrat konnte bereits 1824 öffentliche mitteilen, daß dieser Jahrmarkt sich bewährt habe und daß deshalb am zweiten Tag künftig auch ein Fruchtmarkt in der Stadt und am dritten Tag ein Viehmarkt gleichzeitig abgehalten werde. Besonders aufschlußreich aber liest sich in diesem Zusammenhang, daß man sich der Fremdenverkehrswirkung damals durchaus schon bewußt war, denn in jener Bekanntmachung vom 01.10.1824 steht, daß „schon die eigentümliche besonders romantische Lage des hiesigen Maintals an sich sehr einladend ist“.
 
Freilich, die Witterung zu der einmal festgelegten Jahreszeit spielte eine wichtige Rolle, wenn es um die Frequenz des Michaelis-Marktes ging. Es ist sozusagen der rote Faden, der sich durch alle Jahrzehnte seiner Geschichte durchzieht. Aktenkundig wurde dies erstmals so recht 1829, als der eingangs erwähnte Fall des Marktbeginns am 29. September, dem Michaelistag, bevorstand. Offensichtlich merkte man erst jetzt, daß bei diesem Frühtermin der Michaelismarkt und der Königshofer Markt doch zeitlich zusammenfallen würden. Der Stadtrat schlag daher nach Umfrage bei den Handelsleiten vor, es werde am besten sein, den Michaelis-Tag acht Tage später, am 9. Oktober, beginnen zu lassen, denn alsdann würden „die Landleute durch den Verkauf ihrer Felderzeugniße mehr Geld in der Hand haben und zu jener Zeit durch die etwas rauere Witterung angetrieben“, Winterkleidung einkaufen.

Von diesem Argument jedoch zeigte sich das vorgesetzte Stadt- und Landamt Wertheim wenig beeindruckt. Vielmehr sah man sich hier in der schon bei der Marktgründung vertretenen Auffassung bestärkt, eine Vorverlegung sei drauf die Dauer vorteilhafter. Man gab den Rat, den Michaelis-Markt zusammen mit dem großen Haupt- und Festschießen zeitlich sogar vor den Königshofer Markt vorzuziehen; die Abhaltung im Oktober werden „wegen besorglicher unfreundlicher Witterung immer mißlich“ sein.  Und Oberamtmann Gaertner äußerte abschließend die Überzeugung, der Wertheimer Markt würde „hauptsächlich nur des Vergnügens wegen von Fremden besucht“. Der Stadtrat sollte sich nochmals mit dem Veraltungsrat des Schützencorps beraten.
Den Schützen war dies Wasser auf die Mühle. Sie hätten sofort dem Amtsvorschlag zugestimmt, denn bei einem um zwei Wochen früheren Beginn als bisher könne man in der Regel eher mit besserem Wetter rechnen und somit für das Scheibenschießen einen angenehmeren Verlauf erwarten. Im Stadtrat war man jedoch anderer Meinung. Für ihn standen wichtige wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund: der Markt war doch noch in erster Linie Verkaufsmesse für das heimische Handwerk, ein merklicher Anreiz für den Umsatz; offenbar hatte er begonnen, als „Wertheimer Mess“ eine Lücke zu füllen. Kein Wunder also, wenn im Bericht des Stadtrats darauf abgehoben wurde, nach übereinstimmender Ansicht der auf den Markt kommenden Handelsleute wie auch des größten Teils des Publikums müsse im Falle einer generellen Vorverlegung „der Wießenmarkt, der seit seiner Entstehung offenbar jedes Jahr zunehme, sehr dabei leiden“. Im Einzelnen werden die Punkte aufgezählt, die gegen die frühere Abhaltung des Marktes sprechen:
 
(1)  „weil er (dann) gerade drei Wochen nach dem hießigen Bartholomäi Markt seien und also zu geschwind auf dießen käme,
 
(2)  weil er in die dritte Frankfurter Meßwoche fiele, wo mancher hießige Handelsmann seine Waren noch nicht zu Hauße und mancher Handwerksmann
     sie noch nicht zum Verkauf hergerichtet habe,
 
(3)  weil in dieser Zeit der Landmann noch mit der Saat beschäftigt seie und also ungern den Markt besuchen werde,
 
(4)  weil später derselbe mehr Geld in der Hand habe und, durch die Witterung veranlaßt, auch eher an den Einkauf der Winterware denke“.

Im Blick auf das Schützencorps und dessen Stellungnahme bemerkt der Stadtrat: „Zudem müße es ja denjenigen, die des Schießens wegen hierherkämen, gewiß angenehmer seyn, wann dasselbe bei einer großen Volksmenge gehalten wird, wobei die Schützen während der Dauer eines jeden Schießens eine eigene Wirtschaftsgerechtigkeit ausüben durften, hatten ihnen Stadtmagistrat und Bürgerausschulß bei der Errichtung des Michaelismarktes 1822 ausdrücklich bestätigt. Zu der Frage der Witterung, die in der Diskussion 1829 als von ausschlaggebender Weise erkannt worden war, äußerte sich der Stadtrat zum Schluß ausgesprochen salomonisch: „Man müßte zwar zugeben, daß im Zweifel das Wetter bei dem früheren Abhalten des Marktes schöner seyn könne, fest zu bestimmen seie es aber noch nicht, weil die Erfahrung oft das Gegenteil bewießen“. Das hätte jeden Meteorologen ins Stammbuch geschrieben sein können. Trotzdem – 1829 machte man den vorgeschlagenen Versuch wahr und ließ den Michaelismarkt schon acht Tage eher, als am 22. September, beginnen. Das zu jener Zeit ebenfalls in Wertheim amtierende großherzogliche Direktorium des Main- und Tauber-Kreises, seiner Funktion nach ein kleines Regierungspräsidium, genehmigte diese Änderung. Um bei der knappen, bis Marktbeginn noch bestehenden Frist einen auch in Mannheimer Anzeigenblatt, im Intelligenzblatt zu Würzburg, in der Aschaffenburger Zeitung und schließlich sogar in der Frankfurter Zeitung bekannt.

Wie der Versuch ausgegangen ist, darüber schweigen sich die Akten aus. Aber das Ergebnis dürfte negativ verlaufen sein. Denn eine gutachtliche Äußerung über die gemachten Erfahrungen, die der Stadt zur Auflage gemacht wurde war und im Januar 1830 vom Stadt- und Landamt dringend angemahnt wurde - leider fehlt ihr Wortlaut in den uns vorliegenden Quellen -, veranlaßte am 20.2.1830 das Kreisdirektorium zu dem Beschluß, es seien „die früher bestimmt gewesenen Tage zu(r) Abhaltung des Michaeli Marktes auch ferner (zu) laßen“. Soweit zu sehen, klingt in diesem Erlaß recht hübsch anstelle des amtlichen „Michaelis-Markt“ die augenscheinlich von der mundartlich populären Bezeichnung „Michaeli-Markt“ abgefärbte Form ohne -s erstmals durch. Als der 1830er Markt dann mit seinem wieder unveränderten Termin herannahte, muße man dies abermals extra bekannt machen, „damit durch die vorherige (!) Verlegung niemand ihre geführt werde“.
 
Das Kalenderjahr 1834 brachte die nächste Kollision mit dem Königshöfer Markt und bedingte für Wertheim wiederum ein Ausweichen, diesmal für später. Um diesem Übelstand ein für allemal abzuhelfen, schlug der nunmehrige Gemeinderat unter Bürgermeister Joh. Friedrich Bach der Aufsichtsbehörde vor, in das kalendarische Verzeichnis der Wertheimer Märkte folgenden Passus aufzunehmen: „der große Jahrmarkt fängt an am ersten Dienstag nach dem Schluß des Königshöfer Marktes und dauert drei Tage an; am 3.Tag ist zugleich Viehmarkt“. Der „große“ Jahrmarkt, das war zu diesem Zeitpunkt unstreitig also schon der Michaelismarkt. Ob jene Terminierung, die alle Zweifel ausschließen sollte, seitens des Amtes auch so fixiert wurde ist, läßt sich aus den Akten nicht entnehmen. Jedenfalls florierte der Michaelismarkt von Jahr zu Jahr mehr.

Seinen wohl glänzendsten Verlauf in der Geschichte dürfte er 1841 erlebt haben und zwar aus einem außerordentlichen Anlass. In diesem Jahr wurde das landwirtschaftliche Zentralfest für ganz Baden, das 1838 erstmals in Karlsruhe stattgefunden hatte, nach Wertheim einberufen und mit dem Michaelismarkt zugleich am 3. und 4. Oktober abgehalten. Das Staatsoberhaupt Großherzog Leopold (1830-1852), kam persönlich hierher. Das Schützencorps hatte eigens eine böhmische Musikkapelle engagiert und in Schützenuniform eingekleidet. Aus Würzburg kamen der Regierungspräsident von Unterfranken und die dortige Militärkapelle. Ein großer Festumzug der Landbevölkerung in Trachten muß großartig gewesen sein die landwirtschaftliche Kreisabteilung Wertheim hielt während des Marktes ihre Mitglieder-Jahresversammlung ab; gleichzeitig veranstaltete sie eine Ausstellung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Gerätschaften, die allgemeinen Beifall fand. Und schließlich erlebten die Wertheimer und viele Besucher eine bengalische Beleuchtung des alten Bergschlosses in verschiedenen Farben, die erste, von der wir Nachricht hatten.

Geschrieben wurde dieser Artikel von Erich Langguth, wahrscheinlich zur Messe 1978. Er wurde in der originalen Schreibweise übernommen und entspricht nicht den heutigen, grammatikdualen und rechtschreiblichen Regeln.
Marktmeister: Patrick Grän
Tel. 09342/301-222
Fax: 09342/301-8222
E-Mail: patrick.graen@wertheim.de

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